Dieser Artikel erschien am 9. November 2003 in einer internen Newsgroup der Universität der Bundeswehr München:
Die Cargolifter AG wurde 1996 vom Juristen Gablenz gegründet, um eine wichtige Nische im Transportmarkt auszufüllen: Dem Transport von Schwerstgütern (bis 160to), die momentan nur langsam und kostenaufwändig über den Landweg gebracht werden. (Autobahn wird gesperrt und Schwersttransport geht im Schneckentempo drüber, Brücken und Oberleitungen müssen kurzzeitig rückgebaut werden…)
Leider klappte das Thema nicht ganz so, wie man sich das vorstellte. Insgesamt hatte die CL ca. 300 Mio. Euro aus Aktieneinnahmen und 38Mio. Euro an Fördergeldern zur Verfügung. Sie mußte im Sommer 2002 Insolvenz anmelden und hat noch ca. 120 Millionen Euro an Schulden.
Im Juli 2002 wird die Werkshalle an einen malayischen Unternehmer verkauft - „Der Spiegel“, der die Cargolifter-Innovationswerkstatt als „Wolkenkuckucksheim“ bezeichnete, schweigt sich zum Projekt, ein „Tropenparadies“ in der größten freistehenden Halle der Welt einzurichten, aus. Klar - es wird ja auch nicht von Deutschen geplant, sondern von Malaysia.
Im Oktober 2003 werden die Aktivposten der Cargolifter versteigert und bringen noch ca. 1 Million Euro. Darunter allerdings auch der Versuchsträger „Joey“, der an eine Firma aus - Malaysia geht. Es wäre interessant zu erfahren, ob diese Firma in Zusammenhang mit der Firma steht, die die Halle übernahm, und ob auch Technologie mit der Halle verramscht wurde.
Eine Historische Parallele findet man übrigends auch:
"Der eigentliche Durchbruch der Zeppelin-Luftschiffe kam jedoch erst mit der ersten großen „Zeppelin-Katastrophe“ zustande. Das Luftschiff LZ 4 sollte eine 24 Stundenfahrt am 4.+ 5. August 1908 unternehmen, um die Fahrtüchtigkeit des Schiffes unter Beweis zu stellen. Nach einigen technischen Problemen mußte zum wiederholten Male eine Notlandung durchgeführt werden, diesmal in der Nähe von Echterdingen. Das Schiff wurde am Boden verankert und Graf von Zeppelin ging in ein Wirtshaus in der Stadt. Plötzlich kam ein Unwetter auf, und ehe Graf von Zeppelin am Ankerplatz eintraf, wurde das Luftschiff total zerstört. Eine Sturmböe ergriff das Luftschiff- es brannte komplett aus! Als Graf von Zeppelin das Elend sah, war er am Boden zerstört. Er hatte alle seine Geldmittel aufgebraucht, ein Neubeginn schien undenkbar. Doch das Unfaßbare geschah! Das Volk war von der Idee des Grafen von Zeppelin so ergriffen, daß es zu einer noch nie dagewesenen Volksspende kam. Jeder spendete einen kleinen Teil und half somit das Überleben der Zeppelin’schen Idee zu sichern. Insgesamt kam die stattliche Summe von rund 6,25 Mio. Mark zusammen, wovon die Luftschiffbau Zeppelin G.m.b.H. am 1. Oktober 1908 gegründet werden konnte. Somit hatte das deutsche Volk erstmals über den Fortbestand einer technischen Erfindung mitentschieden. "
http://www.zeppelinfan.de/html-seiten/deutsch/luftschiff_zeppelin.htm
Auch dies hat sich seit knapp 100 Jahren leicht geändert:
Der Zeppelin war seinerzeit eine absolute Pionierleistung, zu der Machbarkeitsgutachten (die zu CL160 oder dem kleineren, 75to tragenden CL75 Aircrane bestehen) noch nicht mal erfunden wurden; am Anfang des Zeppelin stand auch eine Idee (ein Luftschiff zu bauen, Anwendungen würde man später finden), am Anfang von Cargolifter stand eine Aufgabe (Schwerstlasten zu transportieren, ohne die bestehende Verkehrsinfrastruktur zu überlasten).
Während der Zeppelin seinerzeit (2. Juli 1900 bis zur „Hindenburg“-Katastrophe am 6. Mai 1937, wonach sich Hitler und Göring die Luftschiffbau Zeppelin vom Halse schafften - der LZ-Direktor Eckener hatte der NSdAP den Zugang zu den großen Zeppelin-Hangars für Reichsparteitage verwehrt und war so in Ungnade gefallen) große Zustimmung in Presse und Bevölkerung erhielt (außer halt bei den Nazis), haben Zeitungen wie „Der Spiegel“ fast keine Gelegenheit verstreichen lassen, um das Cargolifter-Projekt in’s lächerliche zu ziehen. Am 10. Dezember 2002 erklärte „Vorstandschef Wolfgang Schneider […], die intensiven Bemühungen des Aufsichtsrates und der Aktionärsinitiative zur Beschaffung von Finanzmitteln zur Reorganisation der Cargolifter AG seien nicht ausreichend erfolgreich gewesen seien. Es sei müßig, über die Gründe dafür noch lange zu diskutieren, zumal bei „aller berechtigter Kritik gegenüber den Gründern des Unternehmens auch eine teilweise unqualifizierte Polemik das Bemühen um eine Fortführung der Gesellschaft erheblich behindert habe“.“ http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,198297-3,00.html
Was ist nun?
Im Gegensatz zu „Flächenländern“ wie den USA werden in Deutschland und dem dichtbesiedelten Europa weiterhin Schwerstlasten nur unter riesigen Kosten zu transportieren sein. Solche Lasten (Turbinen für Kraftwerke, Fabrikteile…) können dort einfach transportiert werden, indem die zugehörigen Empfänger in unentwickelte Gebiete wie Wüsten gestellt werden.
Deutschland hat eine Gelegenheit verpaßt, eine Spitzentechnologie zu entwickeln. Auch das ist nicht neu: Der Flachbildschirm wurde vom Frauenhofer-Institut theoretisch entwickelt; deutsche Firmen hielten das aber für „Wolkenkuckucksheim“. Die Idee wurde an Japan verkauft, das sich nicht von konservativen „das gab’s doch noch nie“-Polemik einschüchtern lies. Jetzt sitze ich an einem Flachbildschirm im RZ und schreibe diesen Artikel; europäische Firmen sind erst auf den Zug aufmerksam geworden, als er in Japan schon in voller Fahrt war. Dementsprechend kommen die meisten Bauteile jetzt auch von dort.
Unabhängig davon, ob „Joey“ jetzt an die Malayische Investorenfirma ging oder einfach nur an ein anderes Unternehmen, das zufällig aus Malaysia kam, würde es mich nicht wundern, wenn in einigen Jahren der [Frachtheber auf Malayisch]-CL160 aus Malaysia vom Band läuft und in Portugal oder der Slowakei in einer europäischen Zweigniederlassung auch ein Modell für den europäischen Markt gebaut wird.
Dem „Tropical-Paradise“-Park in Brand gebe ich nicht viele Chancen. Wenn Ferienflieger in die Dominikanische Republik oder nach Mauritius fast schon weniger kosten als eine Zugfahrt von Paris nach Warschau, warum sollte dann jemand in die unmittelbare Nähe des Spreewald-Parks in ein Pseudo-Paradies gehen? Da Deutschland aber ein Dienstleistungsunternehmen ist, in dem man sich schon entschuldigen muß, wenn man sich für Mathematik interessiert (http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3528267836/; siehe auch die „Möchtegern-Generation-X-Bücher“ von Florian Illies), paßt wohl ein technikfreier Tropenpark besser in die politische Landschaft als eine ingenieurwissenschaftliche Pionierleistung.
Es scheint, daß die Politik erwartet, in jeder Ingenieurwissenschaft würde nun nach dem Moore’schen Gesetz gearbeitet - das jetzt selbst schon an seine Grenzen geraten ist http://www.heise.de/tr/artikel/40415. Nein, so etwas wie den CL160 kann man nicht so aus dem Hut zaubern, wie das Intel und AMD (Motorola nicht mehr) anscheinend mit neuen Prozessorgenerationen tun (die außer mehr Strom zu verbrauchen als Arbeitsrechner keinen besonderen Nutzen haben).
Ich finde es schade, daß hier schon wieder eine Technologie verworfen wurde, die für Europa eine Führungsposition bedeutet hätte.
Gruß
Ralf
Wer sich für Informationen über den Verbleib der Cargolifter AG und ihrer Technologie interessiert, wird hier fündig: http://www.zukunft-in-brand.de/
„Zukunft in Brand“ ist eine Aktionärsinitiative, die sich um den Erhalt der Technologie sorgt. Wobei klar ist, daß sie auch nicht viel ausrichten kann.